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Schrittweise Öffnung der Grenze vereinbart: Venezuela und Kolumbien wollen Nachbarschaft wieder auf gutes Fundament stellen.

Von Volker Hermsdorf | junge Welt vom 12.09.2022

Die über Jahre verfeindeten südamerikanischen Nachbarländer Venezuela und Kolumbien wollen ihre Beziehungen schnellstmöglich wieder normalisieren. Nur einen Monat nach dem Amtsantritt des linken kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro kündigten die Regierungen in Bogotá und Caracas an, die seit sieben Jahren für den Handel und Fahrzeuge geschlossenen Grenzen am 26. September wieder zu öffnen. Der Termin wurde von den Staatschefs beider Länder am Freitag (Ortszeit) gleichzeitig über Twitter bestätigt.

Petro wies darauf hin, dass zunächst der Fahrzeug- und Frachtverkehr wieder zugelassen werde. Gegenwärtig sind die Grenzübergänge nur für Fußgänger geöffnet, während der Güterverkehr fast völlig eingeschränkt ist. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro ergänzte, auch die Flugverbindungen zwischen Bogotá und den venezolanischen Städten Caracas und Valencia würden wieder aufgenommen. »Der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen unseren Völkern steht wieder auf einem guten Fundament«, sagte der Staatschef. Petro betonte, dass die künftigen Verbindungen über »Handelsbeziehungen oder den Austausch zwischen zwei souveränen Nationen« hinausgehen werden. »Wir bestätigen die Absicht unserer Regierung, das Verhältnis der Brüderlichkeit zu Venezuela wiederherzustellen«, schrieb er per Twitter. Die beiden Regierungen hatten die im Jahr 2019 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen am 28. August wieder aufgenommen. Das erste persönliche Treffen zwischen Petro und Maduro steht allerdings noch aus.

Der neue kolumbianische Botschafter in Caracas, Armando Benedetti, wies darauf hin, dass rund acht Millionen Kolumbianer vom Handel mit dem Nachbarland leben. Die wirtschaftlichen Beziehungen waren jedoch zum Erliegen gekommen, weil Caracas im Jahr 2015 – nach Angriffen kolumbianischer Paramilitärs auf venezolanische Militärpatrouillen – mehrere Grenzübergänge geschlossen hatte. Dadurch sollte auch der von Bogotá unterstützte Schmuggel von Nahrungsmitteln und Treibstoffen unterbunden werden. Schätzungen zufolge waren damals etwa 40 Prozent aller Lebensmittel, die in Venezuela auf den Markt kommen sollten, ins Nachbarland geschafft und dort zu deutlich höheren Preisen verkauft worden. Da die rechte kolumbianische Regierung unter Iván Duque wiederholte Appelle Maduros, den Verkauf von Schmuggelware zu unterbinden, ignorierte, wurde schließlich fast die gesamte, mehr als 2.200 Kilometer lange Grenze geschlossen.

Deren erneute Öffnung erweckt auf beiden Seiten Hoffnungen. Am Donnerstag hatte Maduro bei einem Empfang für den kolumbianischen Minister für Handel, Industrie und Tourismus, Germán Umaña Mendoza, im Miraflores-Palast in Caracas erklärt: »Der Weg der Wiedervereinigung und der Zusammenarbeit öffnet neue Möglichkeiten, um die Wirtschaft zweier brüderlicher Völker zu stärken.« Der venezolanische Staatschef hofft, dass der Handel zwischen den Ländern in diesem Jahr ein Volumen von bis zu zwei Milliarden US-Dollar erreichen könnte. Auch der Präsident der venezolanisch-kolumbianischen Kammer für wirtschaftliche Integration, Luis Alberto Russián, erwartet, dass bereits die Ankündigung der Wiedereröffnung, die Wiederaufnahme des Handels und die Wiederherstellung binationaler Wertschöpfungsketten zu einem wirtschaftlichen Aufschwung in der Region führen. Etwas vorsichtiger als der Staatschef schätzte Russián gegenüber der US-Agentur AP, dass der Handel nach der Grenzöffnung in diesem Jahr 1,2 Milliarden US-Dollar erreicht.

Maduro nutzte das Treffen mit dem kolumbianischen Minister dazu, auf die Bedeutung seines Landes für die weltweite Energieversorgung hinzuweisen. »Ich sage in Richtung Europa und den Vereinigten Staaten, dass Venezuela mit seinem Öl und Gas bereit ist, die Welt zu stabilisieren«, erklärte er. Zugleich wies der Präsident die »feindlichen Kampagnen« und die Sanktionen der USA und der EU gegen Venezuela zurück. »Wir sind unwiderruflich und absolut unabhängig«, betonte Maduro offenbar als Hinweis an die Regierung in Washington, die den Oppositionspolitiker Juan Guaidó noch immer als legitimen Präsidenten Venezuelas bezeichnet.

 

 

 

 

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